CDU Tiergarten

Die junge Hauptstadt Berlin dehnte sich nach der Reichsgründung stark aus. Ohne hinderliche Erhebungen war die Spree eine der wenigen Gegebenheiten, die von den Stadtplanern zu beachten war. Die 1882 fertiggestellte Stadtbahn folgt ab dem Tiergarten östlich dem Flusslauf. Um den Zugang zu den Bahnhöfen zu erleichtern, wurden in die Spreebrücken Fußgängerüberwege integriert. So erreicht man beispielsweise bis heute den Schiffbauerdamm gut vom Bahnhof Friedrichstraße aus (sofern man nicht auf barrierefreie Wege angewiesen ist).

 

Hermann_Rückwardt_-_Gerickesteg_(1915)
Gerickesteg 1915 (Foto: Hermann Rückwardt, Quelle: Wikipedia)

Als die Stadtbahnbrücke am Bahnhof Bellevue 1917/18 umgebaut und der Fußgängerübergang abgerissen werden musste, stellten die damaligen Stadtplaner mit einem Steg über die Spree vorher (!) bereits eine Alternative bereit. Im Gegensatz zu dem im Volksmund „Bullerbrücke“ genannten Übergang auf der Bahnbrücke verringerte sich die Lärmbelästigung auf dem neuen Bellevuesteg wenige Meter weiter deutlich. Die fünf Meter breite Stahlkonstruktion war mit ihren Gaslaternen im Jugendstil und steinernen Masken an den Brüstungen ein Gewinn für Moabit.

 

In den letzten Kriegsmonaten 1945 sprengten die Nationalsozialisten die Brücke bzw. ihren südlichen Pfeiler auf dem heutigen Hansaviertel. 1947 wurde sie wiederhergestellt, wenngleich auf zerstörte Zierelemente des gut zwei Jahrzehnte zuvor in Gerickesteg umbenannten Bauwerks verzichtet wurde. Über die Jahrzehnte folgten verschiedene Sanierungen, die den Fußgängerverkehr jedoch nicht entscheidend einschränkten.

 

Ob während des Ersten Weltkriegs, unmittelbar nach dem Zweiten oder zu Mauerzeiten: Die öffentliche Verwaltung Berlins konnte den Zugang der Bürger zu einem Bahnhof gewährleisten. Mittlerweile ist Berlin dafür berüchtigt, dass vermeidliche Banalitäten im Zusammenhang mit öffentlichen Bauprojekten keine Gültigkeit mehr besitzen. Muss der Gerickesteg bald als weiteres Kapitel hinzugefügt werden?

 

Gerickesteg im Juli 2016
Gerickesteg Ende Juli 2016

Der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mangelt es nicht am Bewusstsein: Der Steg „dient als direkter Zugang vom nördlichen Spreeufer zum S-Bahnhof Bellevue“, hält sie auf ihrer Internetseite fest. „Aufgrund der umfangreichen, denkmalschutzgerechten Ausführung der Bauleistungen und des notwendigen Abbaus und Einbaus der Fernwärmeleitungen beträgt die Bauzeit voraussichtlich zwei Jahre.“ Damit waren zur Sanierung bereits acht Monate mehr als für den ursprünglichen Bau vorgesehen.

Auch eine Neueröffnung am 1. Juni 2017 erscheint jedoch illusorisch, da die Bauarbeiten seit einem halben Jahr ruhen. Die beauftragte Firma befände sich in Schwierigkeiten, heißt es, bereitstehende Haushaltsmittel werden vom Senat zurückgehalten. Eine Neuausschreibung soll geplant sein. Anwohner können den Stillstand und gelegentliche Kurzinspektionen beobachten, Informationen erhalten sie jedoch keine.

Gerickesteg Ende Juli 2016

Für Andreas Geisel (SPD), Chef der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, verständlicherweise kein öffentlichkeitswirksames Projekt im Wahljahr. Sind die Ausschreibung und Vergabe in seiner Behörde fehlerfrei verlaufen? Wurde die Baufirma vor dem erteilten Zuschlag genau genug analysiert? Oder hatte der preußische Hofstaat, der vielfach in Moabit wohnte, schlichtweg mehr Einfluss auf die Berliner Politik als der gegenwärtig zuständige Senator? Fragen, die angesichts der Verzögerungen und Unannehmlichkeiten gestellt werden. Die Antworten stehen aus.

 

Andreas von Gehlen

 

asdfBER, Staatsoper, Gerickesteg?



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